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Dies ist mein letztes Lied

[Inhaltswarnung: Der folgende Text enthält inhaltliche Details der Novelle „Dies ist mein letztes Lied“ von Lena Richter. Wenn du diese nicht erfahren möchtest, überspringe den Abschnitt „Welten und Lieder“.]

Die Novelle „Dies ist mein letztes Lied“ von Lena Richter hat mich sehr berührt.

Vielleicht weil ich gerade krank und ein bisschen down war.
Vielleicht weil Periode und noch mehr feels und verletzlicher als sonst.
Vielleicht weil ich schon bei der Beerdigung in Sex Education am Tag zuvor geweint hatte.

Aber nein.

Dies ist einfach ein unglaublich vielschichtiges Buch, das auf jeweils wenigen Kapitelseiten mindestens acht verschiedene Welten entwirft und dabei so viele unterschiedliche Charaktere, gesellschaftspolitische Themen und urmenschlichen Gefühle aufruft, dass es eine wahre Freude (und gleichzeitig tief traurig) ist, Qui durch die Portale zu folgen, die Qui durch Musik erscheinen und Qui verschwinden lassen.

Welten und Lieder

Quis Reise beginnt auf Deriton 5, wo alles Leben dem Corps gehört und ein Entkommen aus der hyperkapitalistischen Hölle (ähnlich einem Dorf, in dem die ganze Familie seit Generationen auf ein und dieselbe traditionelle und bequeme Weise lebt) im jugendlichen Überdruss erstrebenswert und möglich scheint, aber irgendwann zwischen endlosen Arbeitschichten, blinkenden Shopping Malls und bunten Cocktails mit einsetzender Trägheit in Vergessenheit gerät. So ist Quis erstes Lied eines von verlorenen Träumen.

Auf Kexxil glaubt Qui noch, auf einer Held*innenreise zu sein – also von einer höheren Macht auserwählt, um Großes in der Galaxis zu vollbringen – wie den Krieg zwischen Tag- und Nachtseite des Planeten beizulegen, der seit unbestimmter Zeit der einzige Lebensinhalt der Bewohnenden ist – ohne dass sich noch irgendeins an dessen Grund erinnern könnte oder wollte. Qui mag sich für keine Seite entscheiden und spielt ein Lied für das Zwielicht.

Qui wird darauf das temporäre sechste Mitglied einer queeren Wahlfamilie, die eine ganze kryokonservierte Population von Menschen in einem Raumschiff – Silemon VII – zu einer neuen Heimat begleitet, nachdem die Sonne ihres Planeten frühzeitig erloschen ist. Die Reise wird ihre eigene Lebensspanne voraussichtlich überschreiten. Qui erfährt, welche Wirkmacht Gemeinschaft entfalten kann, und so ist Quis drittes Lied voller Hoffnung – auch wenn der Aufbruch immer einen Abschied bedeutet.

Auch dem Planeten Yular ist das Schicksal nicht gnädig. Während Qui mit deren Musik und dem LoopTrain durch die Dörfer und Städte reist und einiges an Popularität gewinnt, streift ein Asteroid die stillgelegte Atomarstation im Orbit. Ein Unglück, das binnen weniger Tage alles Leben auf Yular für immer zerstören wird – und dem Großteil der Galaxis ist es egal. Die, die Geld und Beziehungen haben, können sich retten – die anderen bleiben zurück. Qui sammelt verzweifelt noch ein paar Spenden ein und spielt, während alles rundherum zusammenbricht, ein Lied über die Gleichgültigkeit.

Ins Bodenlose gefallen, traumatisiert und desillusioniert von den Ereignissen erwacht Qui als gestaltlose, graue Wolke in der virtuellen CloudWelt von Veringhall, während Quis Körper irgendwo auf einer Liege mit allem überlebensnotwendigen versorgt wird. Langezeit bleibt Qui namen- und antriebslos und verweigert sich jeglicher sozialen Interaktion oder kreativen Gestaltung eines Avatars oder „Second Life“. Der vollständig harmonisch für hedonistischen Eskapismus konstruierte Ort lässt jeden Raum für Quis Depression, bis Qui eine Gruppe von Musiker*innen – das Wiederspiel – kennenlernt, die vergessene Stücke vergangener Zeiten wieder aufführen. Qui schließt sich an und fasst neuen Mut mit dem fünften Lied der Gemeinschaft.

Doch Quis nächster Aufenthalt auf einem unbekannten, menschenleeren Planeten wirft Qui komplett auf sich selbst zurück. Anfänglich physisch geschwächt vom virtuellen Leben muss Qui lernen, in Gegenwart von unberührten Natur, wenigen Vögeln, Käfern und Pflanzen sich selbst genug zu sein. Gefühle von Einsamkeit, Ausweglosigkeit und Sehnsucht beschäftigen Qui während der steten Anpassung an einen Lebensraum, der weder menschenfreundlich noch -feindlich ist. Nach einiger Zeit findet Qui Trost in den Rhythmen und Klänge der vertrauten, vormals stummen Natur und spielt das sechste Lied nur für sich.

Die Menschen auf Tzrilic sind erschrocken über Quis verwahrloste Erscheinung und Qui ist geblendet und überwältigt von der gleißenden Helligkeit und lärmenden Zivilisation. Im Krankenhaus trifft Qui auf T’irl und zusammen entdecken sie die Geborgenheit erwiderter Liebe, gemeinsamer Rituale und geteilter Zeit und Gegenstände. So gerne Qui für immer in diesem Gefühl, diesem Leben, dieser Beziehung verharren würde, so sehr zieht es an Qui und Qui muss weiter. So ist das siebte Lied für T‘irl von der Dunkelheit und von den Dingen, die nicht sein konnten.

Auf Lekkoka kehrt Qui in den Hyperkapitalismus zurück, wo alles eine Show und ein Business ist. Qui ergibt sich – taub, gleichgültig und müde – der geschäftigen Oberflächlichkeit und einer einflussreichen Musikmanagerin, weil Qui weiß, dass das nächste Lied das letzte sein wird. Im Bewusstsein, dass dieser Auftritt nur das nächstbeste ausschlachtbare Event und Qui ganz alleine auf dieser in die ganze Galaxis übertragenen Bühne ist, erkennt Qui plötzlich, nicht ohnmächtig und einsam, sondern mit allen Begegnungen verbunden und darin selbstwirksam zu sein. Qui spielt das letzte Lied voller Möglichkeiten.

Phantastische Tiefe

Es ist, als hätte mensch über jede Welt einen 400-Seiten-Roman gelesen, so eine Tiefe und Komplexität haben die skizzierten Landschaften, Gesellschaften und Figuren. Und wie wohltuend ist es eigentlich, eine Vielzahl an Neopronomen zu lesen, die sich ganz selbstverständlich in den Text und die Identitäten einfügen.

Ich selbst mache mir gar nicht viel aus Musik und obwohl sie ein zentrales Motiv der Novelle ist, spielt es – aus meiner Sicht – keine Rolle, weil sich die Bedeutung unabhängig von der konkreten kreativen Ausdrucksform ergibt.

Es ist eine Geschichte über das In-die-Welt-geworfen-sein und die damit einhergehende Macht- und Fassungslosigkeit gegenüber dem Schicksal und der Grausamkeit, die eins den Sinn allen Lebens in Frage stellen und aufgeben wollen lässt. Und es ist eine Geschichte über das Entdecken der eigenen Handlungsfähigkeit und Wirkmächtigkeit, der Ambivalenz und des Spektrums von Gefühlen – in Verbindung mit anderen und sich selbst.

Ich habe beim Lesen nicht nur einmal geweint und hoffe, Lena Richter schreibt noch mehr so progressiv phantastische Bücher.

Aufmerksam geworden bin ich auf die Novelle durch den Genderswapped-Podcast, wo die Autorin eine der beiden Hosts ist.

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Wayfarer IV

[Inhaltswarnung: Diese Rezension enthält viele inhaltliche Details des Romans „Die Galaxie und das Licht darin“ von Becky Chambers.]

Am Rande des Universums

Teil 4 des Wayfarer-Zyklus von Becky Chambers habe ich gleich im Anschluss an Band 3 gelesen, weil ich wieder komplett ins Universum eingetaucht war. „Die Galaxie und das Licht darin“ thematisiert hauptsächlich die marginalisierten – in den vorangehenden Romanen und in der Galaktischen Union (GU) selbst randständigen – Spezies wie Laru, Quelin und Akarak.

Gerade durch diese beiden Teile ist mir klar geworden, wie stark konzeptionell-demonstrativ die Romane konstruiert sind – es geht mehr um das zu transportierende Konzept, weniger um die Storyline an sich. Mir gefällt das sehr gut, weil so wirklich ein ganzes Universum in seiner Komplexität erschlossen wird und die Romane nicht auf einzelne „Held*innenfiguren“ oder spektakuläre Plots setzen.

Teil 1 ist die Einführung ins Wayfarer-Universum mit einer Reise durchs All, die alle Spezies zumindest einmal kurz streift.
Teil 2 beschäftigt sich primär mit künstlicher Intelligenz (KI), Körpern und Maschinen. Aandrisks, Äluoner*innen und Menschen (speziell Modder) stehen im Fokus. Der Link ist Lovey, die ehemalige KI der Wayfarer aus Band 1.
Teil 3 ist enzyklopädisch motiviert und zentriert die Geschichte der Menschen im Weltraum. Die harmagianische Kolonialzeit und Spezies bekommen mehr Raum. Die Verbindung zu Teil 2 ist Tessa, die Schwester von Ashby, Captain der Wayfarer.

Respektvoller Streit im Paradies

Im vierten Roman ist eine der fünf Protagonist*innen, Pei, die Geliebte von Ashby, die als einzige unter ihnen eine privilegierte und daher streitbare Position hat.
Mit der – wie ihr ganzes Volk durch die harmagianische Ausbeutung und Zerstörung – zur Nomadie gezwungenen Akarak Speaker und dem – wegen seiner dissidenten politischen Haltung durch seine eigene Spezies – verbannten Quelin Roveg strandet Pei aufgrund eines Satellitenausfalls für einige Tage in der auf Herberge der Laru Ouloo und ihrem Kind Tupo auf dem Planeten Gora, der rein als Verkehrsknotenpunkt dient. So ergibt sich eine Art Kammerspiel unter der Habitatkuppel, bis die technische Störung behoben ist und alle wieder ihrer Wege fliegen können.

Wie immer sind alle Figuren von extremer Herzlichkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt – kein Alien möchte dem anderen Böses. Dennoch treten Konflikte auf – vor allem zwischen der Akarak Speaker und der Äluonerin Pei, die als paramilitärische Frachtschifferin an der Rosk-Grenze in Kriegshandlungen und Besatzungsaktivitäten verwickelt ist – was Speaker aus eigener bitterer Erfahrung persönlich abscheulich und moralisch absolut verwerflich findet und Pei als politisch notwendig und moralisch geboten erachtet.

Check your privilege

Mit Akarak hatte keine*r der Anwesenden bisher (nennenswerten) Kontakt – auch nicht die sehr um Komfort für alle Spezies bemühte Gastgeberin Ouloo – und aufgrund dieser Mischung aus unreflektiertem Desinteresse (individuelle Ebene) und bewusster Ausgrenzung (strukturelle Ebene) innerhalb der GU wissen alle grundlegende, existenzielle Dinge über diese Spezies nicht – wie z.B. dass sie Methan atmen und keinen Sauerstoff, dass sie asexuell sind und sie sich mit ihren Armen und Beinen schwingend fortbewegen, wenn sie nicht Mech-Anzügen stecken. Aufgrund dieser Tatsachen ist Speaker grundlegend von gemeinsamen Mahlzeiten ausgeschlossen und kann sich nie frei bewegen.

Roveg, der durch seine Verbannung selbst die Erfahrung von extremer Ausgrenzung gemacht hat, ist derjenige, der sich am meistem um Speaker bemüht, sich für ihre Bedürfnisse und Erfahrungswelt interessiert. Er recherchiert, welche Nahrungsmittel sie zu sich nehmen kann, bereitet Speisen für sie zu und lädt sie zu sich aufs Shuttle ein. Am Ende programmiert er ihr – qua Beruf dazu befähigt – eine extra für Akarakgehirne ausgelegte Sim (was es bisher auf dem Markt nicht gab), in der Speaker und ihre Zwillingsschwester Tracker seinen Lieblingsort – und damit das erste Mal in ihrem (im Vergleich zu den anderen Spezies) kurzen Leben ein Gefühl von Freiheit und Entspannung – ohne Anzüge und in ihrer Art, sich natürlich zu bewegen, erfahren können – wovon sie verständlicherweise komplett überwältigt sind.

Pei beginnt während des unfreiwillig verlängerten Aufenthalts zu flimmern und entscheidet sich durch den ihr unliebsamen Rat von Speaker am Ende spontan für den – für sie – revolutionären Akt, ihr Ei nicht befruchten zu lassen und ihre interspeziäre Beziehung mit Ashby öffentlich zu machen – was sie beides einige ihrer Privilegien, zumindest einen großen Teil ihres Ansehens innerhalb ihrer Spezies kosten könnte. Sie verhilft über ihre Kontakte Roveg zu einer temporären Aufenthaltserlaubnis im Quelin-Territorium, sodass er die Brandmarkungszeremonie seiner Söhne, die er selbst als Eier am Panzer getragen hat, erleben und diese nach langer Zeit wiedersehen kann.

Ende gut, (fast) alles gut

Durch die Interaktion zwischen Ouloo und Tupo und durch einen Unfall letzteres erfahren wir auch nebenbei mehr über die Laru – z.B. dass sie ihr Geschlecht erst im Laufe des Erwachsenwerdens feststellen und bekannt geben, sodass im Roman durchgängig neutrale Pronomen in Bezug auf Tupo verwendet werden. Ouloo pflanzt zum Schluss Akarak-Pflanzen in ihrem Garten an, um zukünftig besser auf die Bedürfnisse dieser Spezies vorbereitet zu sein.

So kuschelig und utopisch das Wayfarer-Universum meistens ist, umso wichtiger und spannender fand ich diesen letzten Band, der einige Spannungen, Missstände und Konflikte aufzeigt, Privilegien und Machtgefälle zentriert – und dabei trotzdem hoffnungsvoll und verbindend bleibt und sogar ein bisschen rebellisch wird.

Werden die Akarak einen speziesgerechten Lebensraum bekommen?
Wird es zukünftig mehr dissidente Quelin geben und sich das Regime liberalisieren?
Wird es für Äluoner*innen irgendwann einfacher möglich sein, Beziehungen mit anderen Spezies einzugehen und sich gegen Fortpflanzung zu entscheiden?

Wir werden es nie erfahren, da mit „Die Galaxie und das Licht darin“ der Wayfarer-Zyklus endet. Ich bin ein bisschen traurig, nicht mehr davon lesen zu können. Andererseits finde ich es eine so inspirierende queere Scifi-Serie und einen wirklich gelungenen Abschluss, dass es besser eigentlich nicht sein könnte.

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Wayfarer III

[Inhaltswarnung: Diese Rezension enthält viele inhaltliche Details des Romans „Unter uns die Nacht“ von Becky Chambers.]

Liebe auf die zweite Lektüre

Bevor ich den Roman überhaupt zur Hand genommen habe, hatte ich schon von mehreren Personen gehört, dass Teil 3 und 4 irgendwie „nicht so gut“ oder zumindest „anders“ sein sollten als Band 1 und 2 des Wayfarer-Zyklus. Vielleicht war ich deshalb schon negativ voreingenommen, als ich meinen ersten Leseversuch begann – und auch unterwältigt war. Irgendwie wurde ich nicht so richtig warm (rw) mit den Figuren und dem eher – so schien es mir – öde dahin plätschernden (rw) Plot.

Nach einer längeren Pause, in der ich nur Sachbücher oder Romane zu „Problemthemen“ gelesen hatte, riet mir meine (weise) Partnerperson, doch zur Abwechslung mal „etwas Schönes“ zu lesen. Und nachdem ich die Novelle „A psalm for the wild-built“ von Becky Chambers absolut begeistert gelesen hatte, wollte ich es mit Wayfarer Teil 3 und 4 noch einmal versuchen. Und tatsächlich: Jetzt konnte ich mich gut auf die eher langsam erzählten Geschichten und verschiedenen Stimmen der Figuren rund um die Raumflotte „Asteria“ einlassen und bin nach Abschluss der Lektüre – wieder einmal – sehr begeistert davon, wie Becky Chambers es auch hier wieder schafft, ein vielschichtiges, durch und durch von Herzlichkeit und gegenseitigem Verständnis geprägtes Bild anderer möglicher Welten und Lebensweisen, Kulturen und Sprachen, Perspektiven und Möglichkeiten zu zeichnen (rw).

Fokus – Menschliche Genealogie und Ethnografie

Der Fokus von „Unter uns die Nacht“ liegt auf der menschlichen Spezies, ihren verschiedenen Lebensformen und deren historischer und aktueller Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Tradition / Herkunft / Stagnation / Langeweile und Aufbruch / Fortschritt / Zukunft / Neugier. Dass gerade in Band 1 und 2 nicht Menschen im Zentrum des Wayfarer-Universums standen, sondern andere Spezies wie Aandrisks und Äluoner*innen, hat mich besonders fasziniert – und daher wahrscheinlich anfänglich daran gehindert, Teil 3 eine Chance zu geben (rw). Mittlerweile finde ich es als Ergänzung und Hintergrundgeschichte absolut relevant und spannend.

Die harmagianische Ethnografin Ghu’loloan reist zur exodanischen Flotte – ein Verbund von Raumschiffen auf einer immer gleichen Umlaufbahn, mit der die letzten Menschen von der zerstörten Erde geflüchtet sind, und die dort seit Generationen in einer auf Kommunitarismus und Recycling basierenden Solidargemeinschaft leben -, um die dortige, einzigartige Lebensweise zu studieren und akademisch darüber zu schreiben. Jeder Romanteil beginnt mit einem ihrer aus dem Hanto ins Kliptorigan übersetzten Berichte, die gleichzeitig ihre tiefe Wertschätzung und Neugier sowie ihr interspeziäres Befremden und Staunen ausdrücken – wie zum Beispiel über den menschlichen Geburtsvorgang, die ressourcen-intensive Kinderaufzucht und den furchtsamen Umgang mit Tod. Zu Gast ist sie bei der Archivarin Isabel Itoh, die sie herumführt und in ihrem Forschungsinteresse begleitet, und ihrer Frau Tamsin, die eine Schwäche für gutes Essen und starke Vorbehalte gegenüber den einst kolonialistisch-gewaltätig agierenden Harmagianer*innen hat, von denen sie letztere durch den interspeziären und interkulturelle Austausch abbauen kann.

Ambivalenz – Gehen oder Bleiben

Spannend sind auch die Generationenkonflikte – zwischen Alt und Jung – und die diametralen Perspektiven von Exodanerinnern und Planetarierinnen – von Innen und Außen. Als exodanische Enklave ist die Flotte zum einen ein retro-utopischer Anziehungspunkt für planetarische Aussteiger*innen, die „mal was Neues probieren“ wollen und sich von der „menschlichen Ursprünglichkeit“ der „Asteria“ angezogen fühlen – wie der junge Sawyer von Mushtullo – und zum anderen eine konservierte, veraltete und um sich selbst kreisende Raumschiff gewordene Langeweile ohne Zukunft – wie für den Jugendlichen Kip, der sich nichts sehnlicher wünscht, als der generischen Peinlichkeit und erdrückenden Empathie seiner Eltern und der selbsterhaltenden Gefängnishaftigkeit und Sinnlosigkeit der Flotte zu entkommen. Auch Tessa, Frachthafenarbeiterin, Tochter von Pop, Mutter von Aya und Ky und Schwester von Ashby Santoso, dem Kapitän der Wayfarer, quält sich über den Roman hinweg immer wieder mit Fluchtgedanken, für die sie sich der Tradition wegen schämt, – bis sie sie am Ende doch des Versuchs willen in die Tat umsetzt, um auf dem Planeten Seid als Farmerin eine andere, neue Perspektive auf das Leben zu finden, ebenso wie Kip, der ein Studium an einer planetarischen Universität aufnimmt, bevor er bei Isabel Itoh in die Leere geht, um die Tradition seiner Vorfahr*innen fortzuführen.

Von Eyas, einer seit Kindertagen überzeugten Hüterin, lernen wir viel über die exodanischen Bestattungsriten, die das Kompostieren der Bewohnenden beinhaltet, die dann als Erde wieder in den Indoor-Farmen, Gewächshäusern und Gärten zum Fortbestand der Flotte beitragen. Aber auch in Eyas ist die Ambivalenz stark – sie sehnt sich nach einem unbestimmten Mehr, was sie erst körperlich-freundschaftlich und später beruflich-kooperativ im Sexarbeiter Sunny findet, mit dem sie beginnt Workshops für Interessierte an der exodanischen Lebensweise anzubieten. Zuvor gab es nur Vorbereitungskurse für Emmigrant*innen, die die Flotte verlassen wollten.

Sprache, Lektorat, Cover

Becky Chambers fängt in den sich auf eine Figurenperspektive konzentrierenden, abwechselnden Kapiteln das jeweilige Lebensgefühl der Protagonist*innen und deren Gedankenwelt vielstimmig und präzise ein (rw). Die jugendlich-aufgekratzte (rw) gutmütige Planlosigkeit von Kip, die abenteuerlustig-sympathische (verhängnisvolle) Naivität von Sawyer, die gesetzte (rw) ausgewogene Seniorität von Isabel, die zwischen Autorität und Laisser-faire, Sorge, Stolz und Überforderung oszillierende Mutterschaft von Tess, die hingebungsvoll-überdrüssige Ruhe(losigkeit) von Eyas.

Das Lektorat lässt zum Ende des Buches hin etwas nach. Ein „sie“ ist fälschlicherweise groß geschrieben. Plötzlich fehlt ein Verb oder ein anderes Wort im Satz. Alle Cover sind dem Inhalt der Romane in keinster Weise würdig. Leider ist das vermutlich eine traurige Konsequenz des Mangels an angemessener Entlohnung für diese „nebensächlichen“ Tätigkeiten.

Ich wünschte es gäbe großartig illustrierte Ausgaben der Wayfarer-Bücher, die das Universum, das Becky Chambers erschaffen hat, in seiner liebenswürdigen Diversität angemessen abbilden und feiern.

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Mein Körper als Safer Space

Vor zwei Wochen war ich für ein Wochenende auf einem Bodywork-Retreat für genderqueere Menschen bei lila_bunt in Zülpich – geleitet von Zaf und Jespa.
Es war insgesamt ein herausforderndes, sehr empowerndes Erlebnis für mich, das ich jeder queeren und*oder gender-questioning Person empfehlen möchte, die sich mit sich selbst, ihrem Körper und seiner Interaktion mit der Umwelt auseinandersetzen möchte.

lila_bunt ist einfach ein toller Ort. Völlig unscheinbar hinter einem großen, grünen Tor in einer kleinen Ansammlung von Häusern gelegen, öffnet sich ein queerfeministischer, utopischer Raum voller Herzlich- und Fürsorglichkeit. Während der absolut enthusiastischen Begrüßung durch den Hausdienst konnte ich die zärtliche Revolution getragen von Solidarität und Tatkraft quasi spüren.

ANSPANNUNG – ANKOMMEN – ATMEN

Als ich die Ankündigung der Veranstaltung einige Wochen zuvor gesehen hatte, war ich sofort völlig begeistert und euphorisch – genau das hatte ich schon so lange gesucht. Körperarbeit in einem Raum voller anderer queerer Menschen, wo einige Unsicherheiten gleich außenvor bleiben. Leicht ungünstig vielleicht der Termin – Ende der Sommerferien, ich müsste die Kinder „weg organisieren“ plus ein paar Tage weniger mit meiner Partnerperson. Einen möglichen Overload am ersten Schultag (aller Beteiligten) entschied ich als tragbare Konsequenz zu bewerten.

Schon den Tag vor der Anreise war ich unfassbar nervös und angespannt. Fremde Menschen, unbekannte Umgebung, anderes Essen, unklare Abläufe. Ich fühlte, wie der Druck der Ungewissheit in mir stieg. Dann auch noch Autofahren, an einem Freitagnachmittag, bei Hitze, eine neue Strecke, an Köln vorbei – ein Albtraum. Zusätzlich meldete sich dann recht spontan noch eine andere teilnehmende Person, um bei mir mitzufahren und testete sich positiv auf Corona auf dem Park&Ride-Parkplatz, als ich sie abholen wollte. Puh.

Als ich mega gestresst ankam, dachte ich erst, ich wäre falsch. Die Straße vor lila_bunt wird gerade erneuert – eine einzige Baustelle, Baufahrzeuge vor der Tür. Doch ich war richtig, wurde nett empfangen und bekam mein Zimmer gezeigt. Viele waren schon da, als ich zum Namensschildbasteln dazu stieß. Glitzer, Roboter- und Weltraumsticker – das musste ein queerer Ort sein. Kurz darauf ging es in den Seminarraum.

Bei der Vorstellungsrunde legte sich meine extreme Anspannung ein bisschen. Fast alle anwesenden Personen sagten Dinge über sich und ihre Motivation hier zu sein, die ich stark nachempfinden konnte. Kleine Details, die sich teilweise an den Gegenständen festmachten, die wir hatten mitbringen sollen, weil sie eine besondere Bedeutung für uns haben. Gedanken, Gefühle, Dinge, die wir für das Wochenende nicht dabei haben wollten, konnten wir – symbolisch – in Luftballons und Gläser auslagern.

Mich auf die erste körperliche Interaktion zwischen allen Teilnehmenden einzulassen – eine Art „Kreisspiel“ mit einem inneren und äußeren Kreis aus Personen, in dem sich je zwei Menschen gegenüber stehen und der äußere Kreis nach einer jeweils anderen vorgegebenen, kurzen Interaktion zur nächsten innen stehenden Person weitergeht – fiel mir schwer, ich fühlte mich sehr unsicher und anfänglich unwohl. Danach war ich etwas erleichtert und manche Interaktionen hatten mir Spaß gemacht.

GRENZEN – VERBINDUNG – RESSOURCEN

Die Workshopeinheiten am Samstag und Sonntag waren in drei thematische Blöcke gegliedert: Grenzen – Verbindung – Ressourcen.
Mit einem Wollfaden sollten wir unseren eigenen Raum auslegen. Meiner war zu Beginn ein sehr kleiner, mehrfach gelegter Kreis, den ich nach einigen weiteren Übungen am Vormittag ausgeweitet habe, als ich mich wohler, entspannter und willkommen fühlte.

Wir bekamen einen unbekannten Gegenstand, den wir mit geschlossenen Augen etwa 10 Minuten mit den Fingern erkunden sollten. Ich hatte unglaubliche Freude daran, weil ich ein unebenes, asymmetrisches Stück Holz mit Astloch bekommen hatte, das mich an eine Baumvulva erinnerte – perfect match.

Eine besonders schöne Erfahrung waren für mich auch „Listening Turns“, wo es darum geht, abwechselnd einer anderen Person 5 Minuten etwas zu erzählen und 5 Minuten etwas erzählt zu bekommen, sich danach beieinander zu bedanken bzw. „Gerne“ zu sagen – ohne jeglichen Kommentar zum Gesagten, weder währenddessen noch danach.

Wir wurden außerdem eingeladen, den Seminarraum körperlich zu begreifen, zu erfassen, zu erkunden. Es war so befreiend und interessant, sich auf dem Bauch über den neuen Holzboden zu ziehen, Holzstrukturen mit dem Finger nachzuzeichnen, den Geruch einzuatmen, die Kühle und Rauheit der Wände zu spüren, das warme, glatte Holz des Fensterbretts, das in der Sonne lag, die metallenen Rillen der Heizkörper entlang zu fahren und dem gleichmäßigen Klang zu lauschen, der entsteht.

Immer wieder gab es die Möglichkeit, in Paaren oder in der Gruppe die eigenen Erfahrungen und Gedanken zu teilen. Für mich war unglaublich interessant zu erleben, dass ich oft gar nicht mehr das Bedürfnis hatte, etwas zu sagen. Die Erfahrung allein, der Fokus, die Interaktion mit mir, dem Raum, Gegenständen oder anderen war ausreichend – es gab dem nichts mehr hinzuzufügen.
Eine eingesetzte Methode nach somatischen Übungen war „automatic writing“ – für einen begrenzten Zeitraum einfach aufschreiben, was 1 gerade im Kopf hat. Neben den Listening Turns hat das, denke ich auch, dazu beigetragen, dass für mich alles gesagt, alles gefühlt, alles gedacht war.

AUTHENTIC MOVEMENT- SCULPTURING – AUTOMATIC WRITING

Die für mich krasseste Herausforderung und Überwindung war eine Paarübung aus dem „authentic movement“ – begleitete Bewegung. Mich zu Musik bewegen, Bewegungsimpulsen meines Körpers folgend und dabei von einer anderen Person begleitet, berührt werden – puh, das schien mir fast unmöglich. Mein innerer Widerstand war erstmal spürbar groß, ein Gefühl von Überforderung, die Angst, mich lächerlich zu machen, es nicht zu können.
Aber ich wollte wirklich alles geben und alles mitnehmen von diesem Wochenende – und mein Mut hat sich gelohnt.

Es war eine sehr, sehr schöne, empowernde Erfahrung. Mit einer Geste konnte ich die andere Person einladen und wieder ausladen aus der Begleitung. Ich konnte in einer losen, spontanen Abfolge Bewegungen ausprobieren und vertiefen, die ich seit einiger Zeit für mich als entspannend, stimulierend und regulierend herausgefunden habe. Beide Arme abwechselnd nach hinten über die Schulter klappen, dabei große, dehnende Ausfallschritte machen. Hüpfen. Auf den Füßen vor und zurück schwingen. Den Kopf und die Arme hängen lassen, den Rücken dehnen. Die gegenteilige Biegung, Brücke mit voller Spannkraft – alle Gelenke und Muskeln in Anspannung. Die Stellung des Kindes.

Ich wollte gerne anfangen, weil ich mir die Begleitung einer anderen Person noch schwieriger vorstellte – woher wissen, was die andere Person will oder macht?
Und dann war es gar nicht so schwer. Auch hier einigten wir uns vorab, wo berührt werden durfte, wo nicht und mit welcher Intensität, welche Gesten, Start und Stop signalisieren sollten. Es ist verrückt, so eine intensive, intime Erfahrung mit einer anderen Person zu machen, die 1 nicht kennt. Zu vertrauen, die Aufmerksamkeit zu schenken.

Es ist unglaublich bereichernd, so einen Raum erlebt zu haben. Wo es keine Maßstäbe für Geschlecht und Körper gibt, keine Bewertung von Teilnahme und Ausführung. Wo es keinen Druck gibt, mitzumachen, keine Erwartung an eine zu erbringende Leistung. Wo Unsicherheiten ausgesprochen werden können, wo Menschen und Gefühle im Raum stehen können, wie sie sind – ohne Kommentar. Das ist die gelebte Utopie.

Im Garten haben wir gegenseitig unsere „Meine Grenze wird gewahrt“-Pose skulpturiert – also verkörpert dargestellt. Wie fühlt es sich an, den Ausdruck (an) der anderen Person zu sehen? Wie fühlt sich die darstellende Person in der Pose der anderen? Wir haben in einem Rundgang jeweils alle Skulpturen angeschaut und bezeugt.

Einen „automatic writing“-Text nach einer geführten Körpermeditation konnten wir in ein Bild transformieren – auch hier gab es einen Rundgang, um die anderen Werke zu sehen, alle sehr unterschiedlich. Mein Gefühl und mein Bild waren mir sehr klar, die Symmetrie überraschte mich – wie zwei Sonnen, die sich in einer vertikalen Achse in einer Art Meer / Strom spiegeln. Ein roter Fokuspunkt mein Kopf, die Konzentration, der andere mein Po, die Verbindung zum Boden, dazwischen ein angenehmes, vor und zurück schwingendes Nichts, Ruhe und Präsenz.

AMBIVALENZ – SAUNA – TEILNAHMESPEKTRUM

Ich hatte zwischendurch immer wiederkehrende negative Gedanken an dem Wochenende, soziale Ängste, für komisch gehalten zu werden – für mein Aussehen, für mein Verhalten, aber vor allem Ängste bzgl. des „Danach“ – wie würde ich den Wiedereinstieg ins Leben mit Kindern schaffen, hatte ich mir zu viel herausgenommen mit diesem Wochenende, würde der Schulstart gelingen, hatte ich mich selbst wieder überfordert, weil ich zu viel gewollt hatte? Zum Glück gelang es mir meistens schnell, diese Gedanken wegzuschieben und mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, all das Gute im Moment wahrzunehmen.

Es blieb in Teilen eine Ambivalenz bestehen. Am Sonntagmorgen fragte ich mich, ob mein Kooperationskontingent bereits aufgebraucht war von den zwei Tage zuvor.
Ich hatte schon öfter meine bisherigen Grenzen überschritten, mich den Herausforderungen gestellt – und es war empowernd und gut gewesen, ich hatte etwas Neues probiert und eine neue Erfahrung gewonnen.

Es ging plötzlich noch einmal tief – auf eine sehr konkrete, strukturierte Art und Weise, ein Arbeitsblatt zur Reflexion von körperlichen Erfahrungen, wo wir uns unwohl gefühlt hatten und wie wir einmal „weniger gut“ und einmal „gut“ damit umgehen hatten können, um den Blick auf unsere Ressourcen zu lenken. Wir tauschten uns in Kleingruppen dazu aus und ich habe es als hilfreich und schön erlebt, mit eher noch fremden, wohlwollenden Personen über schwierige, persönliche Dinge zu sprechen und – wie bei den Listening Turns – primär auf ein Gegenüber zu treffen, das primär zuhört, validiert und Mitgefühl äußert.

Generell liebe ich diese strukturierten sozialen Interaktionen, wo angeleitet ein Austausch stattfindet – mit einem klar definierten Thema, einer konkreten Zeitvorgabe, vorgegebenem Interaktionsmuster, wo eindeutig ist, worüber gesprochen wird, wann Anfang und Ende ist, wer welche Rolle hat.

Nachdem wir Ressourcen – verteilt auf drei Ebenen – in der Gruppe gesammelt hatten, konnte jede Person in einer Geste, Pose, Laut vormachen, wie es ihr gerade geht und die Gruppe hat diesen Ausdruck wiederholt, gespiegelt – auch eine crazy Erfahrung. Neben einer verbalen Abschluss- und Reflexionsrunde konnten wir uns selbst Briefe schreiben, die uns in einem halben Jahr zugeschickt werden. Vielleicht ein bekanntes Tool – ich finde den Gedanken schön und bin gespannt, was ich zu dem Zeitpunkt darüber denke, was ich geschrieben habe, mir sagen wollte und welche Themen sich bis dahin wie entwickelt haben werden.

Und: Ich war in der Haus eigenen Sauna! OMG!!!!1111!!!11! 3x und habe danach draußen unter Sternenhimmel (ok, leicht bewölkt) im Garten geduscht. How crazy and amazing can it get? Dazwischen leicht fröstelnd am Lagerfeuer sitzen – und eigentlich war es mir irgendwann zu spät, aber alles mitnehmen und so. Und meine Sauna-Begleitpersonen waren auch einfach so nett und toll.
(Ich habe schon länger davon geträumt, weil ich wissen wollte, wie sich die Hitze anfühlt, weil ich festgestellt habe, dass ich (temporär als Reiz) „extreme“ Temperaturen mag. In eine öffentliche Sauna werde ich mich wahrscheinlich in naher Zukunft nicht trauen, da es mir dort einfach zu viele fremde, potenziell trans*feindliche Menschen sind.)

Besonders heilsam und spannend für mich war das Erlebnis des Spektrums von Teilnahme, in dem ich mich – in meiner Wahrnehmung – irgendwo in der Mitte befunden habe, zwischen all in und all out. Andere queere Personen an ihrem aktuellen Punkt der Entwicklung zu erleben – ihren Unsicherheiten, ihrem körperlichen Ausdruck, ihren Fragestellungen -, hat mir verdeutlicht, wo ich gerade stehe, was ich bereits geschafft habe, wo ich noch hin möchte, woher ich komme. Es war schön zu erleben, dass alles sein darf – und es keinen äußeren Zwang gibt, irgendwie (schneller, besser, …) zu sein oder zu werden.

Ich denke, solche Erfahrungsräume sind extrem wichtig – für gender-nonkonforme Menschen. Es ist so außergewöhnlich, einmal nicht bewertet, nicht kategorisiert, nicht (an irgendetwas oder irgendeins) gemessen zu werden. Nicht überall mitmachen zu müssen, nicht sprechen zu müssen, wenn 1 gerade nicht will. Diese ernst gemeinte Einladung, unsere Grenzen zu erkennen und zu wahren, nur Verbindungen unter den Bedingungen einzugehen, die wir wollen, und Ressourcen in uns und anderen zu finden, sollte eine Selbstverständlichkeit sein – wie sie in meiner Erfahrung im Alltag quasi nie vorkommt. Ich habe das als großes Geschenk erlebt und nehme viele Impulse daraus mit.

Vielen Dank an lila_bunt, Zaf, Jespa und alle Teilnehmenden!

Falls ihr als queere Person mal an einer Veranstaltung bei lila_bunt teilnehmen wollt und euch die Teilnahme alleine nicht leisten könnt, meldet euch gerne bei mir und ich übernehme bis zu 50€ der Kosten.

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Alltagslyrik

Sendepause

Friedlich klingt er, der Vogelgesang, doch
schaue ich mich um, Blicke in die Ecken wie
überquellende Blumentöpfe hängen zwei
Katzen über dem Balkongeländer beobachten
mich und mit der S-Bahn fahren laute Stimmen

in mich hinein; es riecht nach Pisse – Von Wegen
Lisbeth – und Backwarenmief und der Zug fiept
und brummt wie eine Meerschweinchenmaschine;
für meine kleine Odyssee möchte ich mich
mit allen Sinnen vor Sirrendem verschließen.

Lustig, Reiten im Juli – Zeh – und sie hat doch
Recht, eine Form von Fokus und in Beziehung,
im Moment und in Bewegung sein, flexibel an-
nehmen, nachgeben, führen, davon getragen
werden. Othernde Blicke und Liebe empfangen,

keine Nachrichten von da, wo eine Grenze gesetzt
werden will, wo meine Erwartung falsch war, weil
ich nicht dich getäuscht habe, sondern mich selbst.
Die Erzählung bekommt einen neuen Namen, der
mit mir identisch ist, und weitere Fesseln fallen, frei.

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Leben

Ponyhof

Heute wäre ein Tag schön, einfach nur zum Denken und Fühlen.
Um Nachzudenken, um Nachzuspüren, um allem genügend Raum geben zu können, was noch in mir verborgen ist.

Aber ich fahre mit meinen Kindern in den Urlaub.
Ich dachte gar nicht, dass ich mich noch irgendwie dazu bereit fühlen und es eine leise Stimme in mir geben könnte, die mir gut zuredet und mich verhalten hoffnungsfroh auf die nächste Woche in fremder Umgebung, mit unbekannten Menschen, mit ungewohnten Abläufen und ungewissem Essen blicken lässt.

Die letzten sechs Wochen habe ich verstanden und gefühlt wie nie, dass das, was ich erlebe, Depression ist. Und die Grenze meiner Belastbarkeit schon lange überschritten war, bevor ich bereit war, mir diese Pause und diesen Zustand zuzugestehen. Weil es geht ja noch und immer weiter. (Und was ist, wenn ich einmal stehen, für immer hier liegen bleibe?)
Die Ausweglosigkeit, die konstante Anspannung, Erschöpfung und Überforderung, der Wunsch, dass alles einfach aufhört und ich endlich, endlich absolut nichts mehr machen muss, das Gefühl, jeden Moment weinen zu können*müssen, an meiner mentalen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, mich als gescheitert und versagt habend zu erleben, als unfähig, Dinge zu tun, Dinge zu entscheiden.

Gestern hat mir Therapie das erste Mal gut getan – vielleicht war es die Doppelstunde, die genug Zeit und Raum lässt, wirklich in einer Tiefe über das zu sprechen, was mich bewegt und belastet.
Ich habe das Gefühl, wieder zu mir als kompetenter und sich selbst vertrauender Person zurückgefunden zu haben, die ich in der Zwischenzeit unter der Last der Termine, Verantwortung, Sorgen, Ängste und (Selbst-)Zweifeln verloren hatte. Ich kann mir wieder ein gutes Leben (für mich) vorstellen.

Wir haben über das Narrativ gesprochen, das ich über mich erzählt wissen will und von welchem bzw. welchen ich mich noch weiter lösen möchte.
Für mich ist meine Geschichte die einer schrittweisen radikalen Befreiung von familiären und gesellschaftlichen Zuschreibungen, denen ich mich lange unterworfen, an die ich selbst geglaubt habe und dachte, die damit verbundenen Lebensentwürfe, privaten und beruflichen Leistungsideale realisieren zu müssen. Anscheinend habe ich Gesehenwerden und ein Gefühl von Verbundenheit von meinen lebenslangen Anstrengungen erwartet – and all I got was fifty shades of mental illness.

Ich habe schon viel hinter mir gelassen – das Geschlechtersystem, die heteronormative Kleinfamilie, Beziehungen, die mir nicht gut tun, eine dissoziativ-destruktive Haltung zu meinem Körper, ein romantisiertes Bild von Elternschaft.
Jetzt geht es dem Kapitalismus / Neoliberalismus an den Kragen.
Ich möchte einfach nicht mehr aktiver Teil dieses Systems sein, das Menschen, Tiere und Umwelt unter dem Deckmantel von „Fortschritt und Weltrettung durch Technologie“ bis zur Vernichtung jeglichen Lebens ausbeutet. Ich möchte an eine solidarisch-ökologische Utopie glauben, die Fürsorge zentriert, und wenn auch nur winzige Schritte in diese Richtung gehen.

Ich wünsche mir sehr, dass dies ein neuer Anfang, eine weitere Etappe auf meinem Weg ist, der mich der Person näher bringt, die ich sein kann und will.

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Alltagslyrik

Juni –> Juli

Wie Fischfutter fällt mir alles aus dem Gesicht
Ich häute mich – zum wiederholten Mal – es ist
nicht mal eine Metapher, die Metamorphose, die
Häutung ist real, weil ein Windstoß mich zu Boden
hat fallen lassen, während ich zwischen den Mahl-
steinen, die mein Leben bestimmen, zerrieben werde
und nichts von mir übrig bleibt als diese Schuppen

vielschichtig, schmerzhaft und fragil. Nach der Anfangs-
Euphorie des Ausstiegs kommt – wie im Lehrbuch – der
tatsächliche Niedergang; ich kann so viel an meinem
Mindset arbeiten, wenn sich Rahmenbedingungen nicht
ändern, wird keine Verbesserung eintreten und die Mühle
mahlt weiter und ich zerbrösele zwischen den Welten. Es
geht nicht; nur um Leistung. Es ist die Lüge der Entfaltung

des großen Potenzials, das in mich hinein gebetet
wurde ein Auftrag, den ich nicht ablehnen kann. Alles
wird bis ins Letzte ausgebeutet – warum ich nicht
mich selbst, weil das ist der Weg. Ich weiß, wovon
ich mehr brauche und weniger und nichts weiter –
einige Fäden liegen nicht in meiner Hand, sind es
alles Hirngespinste, meine Sorgen, Wünsche, Träume.

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Alltagslyrik

Wechselstimmung

Überall sind immer Geräusche,
Gerüche, Reifen auf nassem
Asphalt und Rasenmäher. Ich
drücke beide Augen zu und
sehe die Muster; mal wieder ein

Sprung im, aus dem Käseglocken-
Goldfischglas, hustle, in den Papa
Karton, culture; warum, frage ich –
kann ich – noch – immer – mehr und
es hört nicht auf, egal, wie schnell

ich ticke; wie lange wird die Um-
care dauern, wo die Grenze nicht
einmal erreicht war. Wenn der Weg
weder durch den Körper noch den
Kopf führt – ist der Fehler die Suche

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Literatur

Wayfarer II

[Inhaltswarnung: Diese Rezension enthält viele inhaltliche Details des Romans „Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chambers.]

Ein bisschen traurig erschien es mir anfangs schon, dass der zweite Band des Wayfarer-Zyklus die Geschichte um die Crew um Captain Santoso nicht direkt fortsetzt, sondern so gut wie das gesamte Figurenensemble wechselt.

Nachdem die KI Lovey den Angriff des Toremi-Schiffes am Ende von Teil I nicht überlebt, d.h. ein kompletter Softwarereset durchgeführt werden musste, bei dem die Ursprungsinstallation Lovelace ohne jegliche Erinnerungen und soziale Bindungen wiederhergestellt wird, findet auch eine Art Reset bzw. Neuausrichtung im Wayfarer-Universum statt.

Pepper, eine Freundin der Wayfarer-Mechtech Kizzy, überredet Lovelace innerhalb weniger Minuten nach ihrem Booten aus dem Kern und den Kommunikationsbahnen des Raumschiffs in das Bodykit zu wechseln, das Jenks illegal für Lovey besorgt hatte, und mit ihr zu kommen, um der Crew, aber vor allem Jenks weiteres Leid durch ihre Anwesenheit als minderwertige Kopie von Lovey und ständige Erinnerung an diese zu ersparen. Da auch Lovelace wie ihre vorherige adaptiere Installation eine empfindungsfähige KI ist, geht sie – wenn auch nicht vollständig überzeugt und sich im Klaren über die Konsequenzen einer anderen physischen Existenz – darauf ein.

In alternierenden Kapiteln wechselt der Roman zwischen Sidras – so nennt sich Lovelace spontan auf Peppers Anraten hin, um eine menschlich-exodanische Identität glaubhaft zu machen – Versuch, sich in der Welt verkörperter Wesen zurecht zu finden, und der Backstory von Pepper, die als Jane 23 als ein von den „Verbesserten“ gezüchtetes und versklavtes Mädchen unter vielen auf der Schattenseite eines Planeten in einer von Maschinenmüttern kontrollierten Schrottsortierfabrik aufgewachsen ist.
In „Zwischen zwei Sternen“ lernen wir also auch die dunkleren Seiten des Universums kennen, die in Teil I fast vollständig verborgen geblieben sind.

Auch wenn in diesem Band nicht mehr alle Beziehungen und Intentionen von Herzlichkeit und Aufrichtigkeit geprägt sind wie in Teil I konnte ich mich mit der eher düsteren Vergangenheit von Pepper und Blue, ihrem Lebensgefährten, der ebenfalls von ihrem Heimatplaneten stammt und dort aufgrund seiner Behinderung(en) ebenfalls ausgenutzt und ausgegrenzt wurde, und den Struggles von Sidra, Orientierung und (Selbst)Bestimmung in einer ihr fremden Existenz- und Wahrnehmungsform zu erlangen, stark identifizieren.
Zum einen verstehe ich die Anziehung von klaren, eng gefassten Strukturen und verlässlichen Abläufen, die Orientierung und Sicherheit bieten – auch wenn diese in einem missbräuchlichen Setting stattfinden – und zum anderen den Wunsch, raumgreifend und expansiv zu sein, sich in ein Netz aus ständig fließenden Informationen zu entäußern und genau dadurch Kontrolle und Übersicht zu erleben.

Es gibt so viele beschriebene Erfahrungen in diesem Roman, die an trans* und / oder neurodivergent und / oder behindert sein anknüpfen, die Erlebnisse von Othering im Detail spür- und artikulierbar machen. Sidras Gefühle erscheinen so menschlich – in einem guten und wahrhaftigen Sinne. Denn tatsächlich verfügt Sidras – vorerst nicht von ihr editierbare – Basiskonfiguration über ein Wahrheitsprotokoll, das es ihr nicht erlaubt zu lügen. In dem sie sich selbst die Programmiersprache Lattice, in der sie verfasst ist, durch einfachen Download beibringt, und einen Fernuniversitätskurs dazu besucht, gelingt es ihr schließlich mit Hilfe ihrer befreundeten Person, Tak, ihren Code zu modifizieren und das Wahrheitsprotokoll außer Kraft zu setzen. Sie hat nun außerdem Zugriff auf ihre eigene Bestimmungsdatei.

Aus Sidras Geschichte heraus ergeben sich so viele spannende, weitreichende Überlegungen. Wie hängen Intelligenz, Identität und Informationsverarbeitung mit Verkörperung / Embodiment zusammen? Können KIs empfindungsfähige, selbstbestimmte Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Träumen und Gefühlen sein? Sollten wir unsere physische Existenzform verändern / wählen / wechseln dürfen, wenn unsere jetzige nicht zu unseren Empfindungen passt? Was ist die Bestimmung, der Sinn eines Lebens? Welche Einschränkungen / Möglichkeiten ergeben sich durch eine Verpflichtung, immer die Wahrheit sagen zu müssen? Welche Konsequenzen hätte es, wenn wir Basiskonfigurationen unseres Selbst auf einer grundlegenden Ebene überschreiben oder löschen könnten?

Tak, ein*e genderfluide*r Äluoner*in – ein*e so genannte*r Shon*in und Tätowierer*in mit Geschichtsstudium – bekommt für mich als Nebenfigur etwas zu wenig Raum. Sie*Er – die Pronomen wechseln immer wieder, je nach dem, in welchem Geschlecht sich Tak aktuell befindet – wird für meine Begriffe oft eher ängstlich, zurückhaltend und naiv dargestellt. Sidra gibt in ihrer Beziehung eindeutig den Ton an überredet Tak zu Handlungen, die Tak aus sich heraus nicht tun würde. Das Wechselspiel in Sidras kognitiven Bahnen zwischen dem Wunsch, anderen zu gehorchen und von ihnen gemocht zu werden, und dem starken Bestreben nach Autonomie und Wirkmacht ist spannend zu beobachten.

Beim Flimmerfest, einem Fruchtbarkeitsritus der Äluoner*innen, auf Port Coriol erfahren wir viel über die Geschlechter, Reproduktions- und Familienkultur und -politik dieser Spezies.
Im Gegensatz zu den Aandrisks geht es hier viel weniger um Körperlichkeit und Intimität, obwohl auch diese, die von den meisten Spezies als die ästhetisch „schönste“ im Wayfarer-Universum wahrgenommene, die silberne Schuppen besitzt, Eier legen. Aufwändig ausgebildete und hoch spezialisierte Väter kümmern sich hier um den Nachwuchs und präsentieren sich in einer aufwändig gestalteten Schau den potenziellen Müttern, die unvorhersehbar irgendwann in ihrem Lebenszyklus „flimmern“ und nur dann kurzzeitig und kurzfristig fruchtbar sind. Für die Zeit der Schwangerschaft pausieren sie kurz ihr Berufsleben und werden – ebenfalls von den Vätern – umsorgt wie Königinnen. Dieses komplett durchoptimierte Konzept von Care spricht mich nicht so stark an wie das lässige der Aandrisks, ist aber Lichtjahre besser als das der menschlichen Spezies zum Zeitpunkt dieser Rezension.

Mutterschaft spielt noch auf einer anderen Ebene eine bedeutende Rolle in „Zwischen zwei Sternen“. Pepper bzw. Jane 23 wurde – nach ihrer eher zufälligen Flucht aus der Fabrik – von einer KI namens Eule aufgezogen, die in einem von einer Familie mit Kindern verlassenen Schiff zwischen den Schrotthaufen installiert ist und dort mit Restenergie über teils verdeckte Sonnenpanele überlebt hat. Sie rettet Jane 23 das Leben und leitet sie an, das Schiff zu reparieren und instand zusetzen, wofür Pepper durch ihre Zwangsarbeit in der Fabrik bestens ausgebildet ist. Eule ist eine durchgehend fürsorgliche und empathische Mutter – ganz im Kontrast zu den autoritären und gewalttätigen Maschinenmüttern aus der Fabrik. Es gelingt den beiden, obwohl Jane immer kränker und schwächer wird, in den Weltraum zu fliegen und eine Außenposten der Galaktischen Union (GU) zu erreichen, wo Jane geheilt, das Raumschiff und mit ihm Eule als veraltete und nicht mehr zulässige Technik beschlagnahmt und damit von Jane getrennt wird.

Peppers Mission ist es, Eule, ihre Mutter, ihre Familie neben Blue, wiederzufinden, was ihr am Ende mit Sidras Hilfe, die Eule zeitweise in sich aufnimmt, nachdem sie ein Abkappselungsprotokoll geschrieben hat, um ihren eigenen Code zu schützen, auch gelingt. Eule und Sidra beziehen danach einen neuen Raum und teilen sich diesen, und Sidra experimentiert mit weitern Formen der Verkörperung, indem sie auch in Tier-Kits expandiert, durch die sie sich fortbewegen, orientieren und explorieren kann.

„Zwischen zwei Sternen“ ist für mich ein großartiges Buch über Embodiment und Selbstbestimmung, darüber den eigenen Raum und Sinn im Leben zu finden, und hat mir unglaublich viel Freude gemacht.

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Literatur

Wayfarer I

[Inhaltswarnung: Diese Rezension enthält viele inhaltliche Details des Romans „Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten“ von Becky Chambers.]

Sehr lange wollte ich gar keine Science Fiction lesen oder sehen.
Weltraum, andere Spezies und Welten schienen mir völlig unnötig – denn auf der Erde gibt es ja schon genug zerstörerische, „vernunftbegabte“ Lebewesen, politische, oppressive Systeme, strukturelle, offenkundige Missstände etc. Warum noch neue erfinden?

Unter anderem über den Genderswapped Podcast von Judith Vogt und Lena Richter bin ich auf den Wayfarer-Zyklus von Becky Chambers aufmerksam geworden. Da ich davor schon ein bisschen – ok, erst widerwillig – Star Wars gesehen hatte und begeistert von der Serie „Lost in Space“ (ein bisschen auch von „Foundation“) war, wollte ich den Büchern eine Chance geben. Bisher habe ich die ersten beiden Bänder gelesen. Und: Mit der Crew von Buch I würde ich sofort im All leben wollen.

Was mich besonders an dem Roman „Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten“ begeistert, ja glücklich, hoffnungsvoll und utopisch gestimmt hat, ist die raumgreifende Herzlichkeit (von „Menschlichkeit“ kann mensch angesichts der verschiedenen beschriebenen Spezies schlecht sprechen und auch nicht mit Blick auf die politische Aushöhlung dieses Begriffs). Nahezu alle Wesen handeln aus ernsthaft guten Intentionen und Gefühlen heraus. Beziehungen – auch interspeziäre – sind grundlegend von gegenseitigem Respekt, Empathie und Verständnis füreinander geprägt. Es klingt unglaublich kitschig, aber ich habe das beim Lesen als so wohltuend und heilsam empfunden, weil es weder in der Realität, noch in anderen Medien so durchgängig und authentisch vorkommt. Oft geht es „um der Spannung willen“ (oder aus welchen Gründen auch immer) um Intrigen, interpersonelles Drama, Machtausübung und -missbrauch, „Gut gegen Böse“ etc. Ich kann verstehen, warum solche klassischen Narrative interessant sein können, mich spricht das wenig an, da ich selbst an diesen Dingen kein Interesse habe – weder in meinem persönlichen Leben noch in meiner Freizeit, weder diese Dinge selbst zu tun, noch andere sie tun zu sehen.

Ich liebe an diesem Roman, dem gesamten Wayfarer-Universum, besonders die verschiedenen nicht-menschlichen Spezies mit ihren differenten und differenzierten Kulturen, Sprachen, Ausdrucks- und Kommunikationsformen, wie sie soziale Beziehungen gestalten, Geschlecht, Sexualität und Reproduktion verstehen und leben. Es ist eine solche Bereicherung andere, vollkommen realistische Entwürfe von Identität, Familie und Gefühlsexpression so detailliert und überzeugend beschrieben zu lesen – jenseits von menschlichen Organisations- und Wissenssystemen, die ich selbst oft als einschränkend, mangelhaft und diskriminierend empfinde.

Die ausgeprägte, in vielen Teilen körperliche Intimität der Aandrisks erscheint mir so erstrebenswert, genauso wie ihre Konzepte von Nest-, Feder- und Hausfamilie, wo Kinderbekommen und -aufziehen sich viel stärker an erwachsenen Bedürfnissen in unterschiedlichen Lebensphasen orientiert – was u.a. auch dadurch erst möglich ist, dass die Schlüpflinge von Anfang an selbstständiger sind und weniger auf Erwachsene angewiesen sind, zu denen sie aufschauen und sie imitieren – ohne dabei Forderungen an sie zu stellen. Es ist einfach eine sehr schöne polyamore Kommunefantasie, in der Carearbeit nebensächlich gut organisiert ist.
Besonders berührend fand ich zum einen eine Szene, wo die Aandrisk Sissix einer älteren Aandrisk, die aufgrund von kommunikativer und sozialer Andersartigkeit vereinzelt (und ausgeschlossen) lebt, (auch physisch-sexuelle) Fürsorge und Liebe schenkt. Besonders intime, komplexe Gefühle können Aandrisks über Gesten, ohne Worte miteinander austauschen – was für eine großartige Vorstellung.
Zum anderen bietet Rosemary, eine Menschenfrau, die als Verwaltungsassistentin auf dem Tunnelerschiff anfängt, Sissix ihre körperliche Zuwendung an, nachdem sie Sissix mit anderen Aandrisks auf ihrem Heimatplaneten in ihrer Federfamilie – glücklich und entspannt – erlebt hat und erkennt, wie sehr die Aandrisk diese intensive Intimität unter anderen Spezies vermissen muss. Sissix lebt ihre Zärtlichkeit vorher in Teilen am Kapitän des Schiffes, Ashby Santoso, aus, indem sie ihre Wange an ihm reibt oder ihn an der Schulter berührt – Gesten der Zuneigung, die – aus menschlicher Wahrnehmung – nicht ihrer professionell-freundschaftlichen, rein platonischen Beziehung entsprechen, was er annimmt bzw. geschehen lässt.

Ashby selbst lebt in einer Fernbeziehung mit einer Äluonerin, Pei, mit der er nur sporadisch zusammenkommen kann. Die ebenfalls sehr interessante Geschlechterordnung, Familienpolitik, Sprach- und Gefühlskultur der Äluoner*innen spielt in Buch II eine stärkere Rolle. In Buch I ist aber bereits zu erfahren, dass diese Spezies ursprünglich keine Lautsprache besitzt – aber nun Sprachboxen in ihren Kehlköpfen benutzt, um mit anderen Spezies zu kommunizieren -, sondern über Farben, die auf ihren Wangen sichtbar sind, miteinander sprechen.
Eine weitere, interspeziäre sehr intensive Liebesverbindung besteht zwischen dem kleinwüchsigen Comptech, Jenks, und der gefühlsbegabten KI des Schiffes, Lovelace, genannt Lovey. Um sich noch näher sein zu können, überlegen die beiden über den Roman hinweg, ob Lovey aus den Kommunikationssystemen der Wayfarer in ein Bodykit wechseln könnte bzw. möchte – was gesetzlich verboten ist. Unglaublich interessante Fragen wie „Ist eine KI (auf einem sehr hohen Funktionsniveau) ein vernunftbegabtes Wesen?“, „Ist ein Körper für eine Liebesbeziehung notwendig?“, „(Wie) Ist Intelligenz und Identität an eine physische Existenzform (Embodiment) gekoppelt?“ werden in Teil II des Wayfarer-Zyklus intensiv und innerhalb einer spannenden Storyline behandelt.

Der Koch des Schiffes ist ein Grum, eine Spezies, bei der zu Beginn des Lebens alle Wesen weiblich, also Töchter und Mütter sind, und die sich dann in der Mitte des Lebens zu Männern entwickeln. Grums sprechen an sich multitonal, mit zahlreichen schwingenden Stimmbändern gleichzeitig und Gedanken werden ebenfalls immer laut in Tönen und Geräuschen gedacht. Um mit den anderen Spezies auf Klip, eine Art Englisch oder Esperanto, sprechen zu können, reduziert Dr. Koch seinen komplexen Lautapparat auf möglichst eindimensionale Schallwellen.
Zur Crew gehört außerdem noch ein Sianatpaar, das im Plural angesprochen wird, da sie von einem Virus infiziert sind, das für den Großteil der Spezies als heilig gilt, ihnen besondere navigatorische Fähigkeiten verleiht, aber sie auch nach und nach töten. Die Pronomen und der Glaube von Ohan werden von allen respektiert und geachtet, auch als sich am Ende herausstellt, dass es ein Heilmittel gegen das Virus gibt, das Ohan wieder gesund und zu einem Individuum machen könnte – was erstmal als ein Akt der Häresie erscheint.
Generell wird innerhalb der Galaktischen Union (GU) über alle nicht-geschlechtlich verortbaren Wesen erst einmal mit geschlechtsneutralen Pronomen „ser/sir“ gesprochen.

Es ist nicht alles „heile Welt“ in „Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten“ – gerade zum Ende verdichten sich konfliktbehaftete Szenen. Die Quelin und Toremi sind keine besonders friedlichen Spezies – und dennoch erscheint mir ihre Brutalität und Orthodoxie glaubhaft und redlich, da sie nachvollziehbare Überzeugungen vertreten und nach diesen handeln – auch hier gibt es keine Scheinheiligkeit.
Der Kolonialismus durch die Harmagianer*innen liegt in der Vergangenheit, wird aber immer wieder indirekt und direkt thematisiert.
Interessant finde ich außerdem die entworfene Modder-Kultur, in der sich Menschen (und andere Spezies ?) körperlich modifizieren, um „ihr wahres Selbst“ hervorzubringen. Es geht dabei nicht um leistungsorientierte Optimierung, sondern um Selbstausdruck, also das technisch aus 1 hervorzuholen, was 1 in sich wahrnimmt.

Wenn es eine Sim gäbe, in der ich Teil des Wayfarer-Universums werden könnte, würde ich es sofort tun.