Kategorien
Literatur

Wayfarer IV

[Inhaltswarnung: Diese Rezension enthält viele inhaltliche Details des Romans „Die Galaxie und das Licht darin“ von Becky Chambers.]

Am Rande des Universums

Teil 4 des Wayfarer-Zyklus von Becky Chambers habe ich gleich im Anschluss an Band 3 gelesen, weil ich wieder komplett ins Universum eingetaucht war. „Die Galaxie und das Licht darin“ thematisiert hauptsächlich die marginalisierten – in den vorangehenden Romanen und in der Galaktischen Union (GU) selbst randständigen – Spezies wie Laru, Quelin und Akarak.

Gerade durch diese beiden Teile ist mir klar geworden, wie stark konzeptionell-demonstrativ die Romane konstruiert sind – es geht mehr um das zu transportierende Konzept, weniger um die Storyline an sich. Mir gefällt das sehr gut, weil so wirklich ein ganzes Universum in seiner Komplexität erschlossen wird und die Romane nicht auf einzelne „Held*innenfiguren“ oder spektakuläre Plots setzen.

Teil 1 ist die Einführung ins Wayfarer-Universum mit einer Reise durchs All, die alle Spezies zumindest einmal kurz streift.
Teil 2 beschäftigt sich primär mit künstlicher Intelligenz (KI), Körpern und Maschinen. Aandrisks, Äluoner*innen und Menschen (speziell Modder) stehen im Fokus. Der Link ist Lovey, die ehemalige KI der Wayfarer aus Band 1.
Teil 3 ist enzyklopädisch motiviert und zentriert die Geschichte der Menschen im Weltraum. Die harmagianische Kolonialzeit und Spezies bekommen mehr Raum. Die Verbindung zu Teil 2 ist Tessa, die Schwester von Ashby, Captain der Wayfarer.

Respektvoller Streit im Paradies

Im vierten Roman ist eine der fünf Protagonist*innen, Pei, die Geliebte von Ashby, die als einzige unter ihnen eine privilegierte und daher streitbare Position hat.
Mit der – wie ihr ganzes Volk durch die harmagianische Ausbeutung und Zerstörung – zur Nomadie gezwungenen Akarak Speaker und dem – wegen seiner dissidenten politischen Haltung durch seine eigene Spezies – verbannten Quelin Roveg strandet Pei aufgrund eines Satellitenausfalls für einige Tage in der auf Herberge der Laru Ouloo und ihrem Kind Tupo auf dem Planeten Gora, der rein als Verkehrsknotenpunkt dient. So ergibt sich eine Art Kammerspiel unter der Habitatkuppel, bis die technische Störung behoben ist und alle wieder ihrer Wege fliegen können.

Wie immer sind alle Figuren von extremer Herzlichkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt – kein Alien möchte dem anderen Böses. Dennoch treten Konflikte auf – vor allem zwischen der Akarak Speaker und der Äluonerin Pei, die als paramilitärische Frachtschifferin an der Rosk-Grenze in Kriegshandlungen und Besatzungsaktivitäten verwickelt ist – was Speaker aus eigener bitterer Erfahrung persönlich abscheulich und moralisch absolut verwerflich findet und Pei als politisch notwendig und moralisch geboten erachtet.

Check your privilege

Mit Akarak hatte keine*r der Anwesenden bisher (nennenswerten) Kontakt – auch nicht die sehr um Komfort für alle Spezies bemühte Gastgeberin Ouloo – und aufgrund dieser Mischung aus unreflektiertem Desinteresse (individuelle Ebene) und bewusster Ausgrenzung (strukturelle Ebene) innerhalb der GU wissen alle grundlegende, existenzielle Dinge über diese Spezies nicht – wie z.B. dass sie Methan atmen und keinen Sauerstoff, dass sie asexuell sind und sie sich mit ihren Armen und Beinen schwingend fortbewegen, wenn sie nicht Mech-Anzügen stecken. Aufgrund dieser Tatsachen ist Speaker grundlegend von gemeinsamen Mahlzeiten ausgeschlossen und kann sich nie frei bewegen.

Roveg, der durch seine Verbannung selbst die Erfahrung von extremer Ausgrenzung gemacht hat, ist derjenige, der sich am meistem um Speaker bemüht, sich für ihre Bedürfnisse und Erfahrungswelt interessiert. Er recherchiert, welche Nahrungsmittel sie zu sich nehmen kann, bereitet Speisen für sie zu und lädt sie zu sich aufs Shuttle ein. Am Ende programmiert er ihr – qua Beruf dazu befähigt – eine extra für Akarakgehirne ausgelegte Sim (was es bisher auf dem Markt nicht gab), in der Speaker und ihre Zwillingsschwester Tracker seinen Lieblingsort – und damit das erste Mal in ihrem (im Vergleich zu den anderen Spezies) kurzen Leben ein Gefühl von Freiheit und Entspannung – ohne Anzüge und in ihrer Art, sich natürlich zu bewegen, erfahren können – wovon sie verständlicherweise komplett überwältigt sind.

Pei beginnt während des unfreiwillig verlängerten Aufenthalts zu flimmern und entscheidet sich durch den ihr unliebsamen Rat von Speaker am Ende spontan für den – für sie – revolutionären Akt, ihr Ei nicht befruchten zu lassen und ihre interspeziäre Beziehung mit Ashby öffentlich zu machen – was sie beides einige ihrer Privilegien, zumindest einen großen Teil ihres Ansehens innerhalb ihrer Spezies kosten könnte. Sie verhilft über ihre Kontakte Roveg zu einer temporären Aufenthaltserlaubnis im Quelin-Territorium, sodass er die Brandmarkungszeremonie seiner Söhne, die er selbst als Eier am Panzer getragen hat, erleben und diese nach langer Zeit wiedersehen kann.

Ende gut, (fast) alles gut

Durch die Interaktion zwischen Ouloo und Tupo und durch einen Unfall letzteres erfahren wir auch nebenbei mehr über die Laru – z.B. dass sie ihr Geschlecht erst im Laufe des Erwachsenwerdens feststellen und bekannt geben, sodass im Roman durchgängig neutrale Pronomen in Bezug auf Tupo verwendet werden. Ouloo pflanzt zum Schluss Akarak-Pflanzen in ihrem Garten an, um zukünftig besser auf die Bedürfnisse dieser Spezies vorbereitet zu sein.

So kuschelig und utopisch das Wayfarer-Universum meistens ist, umso wichtiger und spannender fand ich diesen letzten Band, der einige Spannungen, Missstände und Konflikte aufzeigt, Privilegien und Machtgefälle zentriert – und dabei trotzdem hoffnungsvoll und verbindend bleibt und sogar ein bisschen rebellisch wird.

Werden die Akarak einen speziesgerechten Lebensraum bekommen?
Wird es zukünftig mehr dissidente Quelin geben und sich das Regime liberalisieren?
Wird es für Äluoner*innen irgendwann einfacher möglich sein, Beziehungen mit anderen Spezies einzugehen und sich gegen Fortpflanzung zu entscheiden?

Wir werden es nie erfahren, da mit „Die Galaxie und das Licht darin“ der Wayfarer-Zyklus endet. Ich bin ein bisschen traurig, nicht mehr davon lesen zu können. Andererseits finde ich es eine so inspirierende queere Scifi-Serie und einen wirklich gelungenen Abschluss, dass es besser eigentlich nicht sein könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert