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Unterwegs

Miniathür IV

Was Halle die Zahnärzt*innen- und Physiotherapiepraxen sind, sind Friedrichroda die Blumenläden und Gotha die Schuhgeschäfte. Die blau-gelb gestrichene Wald- und Wiesenbahn ruckelt uns gemütlich und zuverlässig ans Ziel. Die Stimme des älteren Herrn mit Türkis bespanntem Kugelbauch fährt mir schon am Bahnsteig ochsenfroschartig tief durch Mark und Bein und ich bin froh, keines der Teeniemädchen in seiner Gesell- und Verwandtschaft zu sein. Eine Einkaufstüte von New Yorker eignet sich nur bedingt als Schutzschild gegen miese Kommentare und Ansichten.

Im Second Hand Shop lasse ich etwas wehmütig die geblümte Linus-Giese-Gedächtnis-Hose hängen und Herr Gigerenzer bei Leifer Schuhe hat nur einen netten Plausch, aber leider keine passenden Sandalen für mich. Konsum und ich – it’s not a match. Doch der Kaffee in der Coffee Bar stimmt mich versöhnlich – mit einem Hauch von Marzipan im Mund. Der Boy hinter dem Tresen ist sehr niedlich in seiner latent verschämten Latte Art. Wie er uns liebevoll auf den ersten Blick als Tourist*innen entlarven konnte, wird für immer ein Rätsel bleiben.

Räubertellermäßig Panini knuspernd belausche ich einvernehmliche Gespräche über Fußpflegedynastien, alkohollastige Ausflüge und das Für und Wider von Reisen in die USA. Eine abwesende Bekannte mit blondem, wehenden Haar wird von den drei Kurzhaarigen und Ergrauten-Übertönten beifällig und beiläufig gedisst. Misogynie ist überall – auch in der Provinz am Nebentisch.

Irgendwie sehen alle Paläste ein bisschen ähnlich aus. Ob in Wien, Weimar, Benrath oder Paris. Ich frage mich, was aus all den halb verfallenen, halb restaurierten Schlössern, Anwesen und Altbauten und aus der Region geworden wäre, wenn es die deutsche Teilung nicht gegeben hätte. So viel alte Bausubstanz, so viel Land und Fläche – entwertet und vergessen, belächelt und notdürftig touristisiert. Was macht eine Stadt und ihre Umgebung lebenswert?

Die Straßenbahnfahrerin auf der Rückfahrt mit dem langen braun geflochtenen Zopf ist ein bisschen aggro und brüllt einmal durch den Gang und einmal aus der Tür. Der ellbogentattoowierte Vater mit den zwei Kindern in Wildingen und Shirtaufschrift „I hate people“ vom Hinweg taucht nicht wieder auf, die Gruppe vom Anfang steigt zeitgleich mit uns aus. Wir gehen durch die Kleingartenanlage, der Himmel ist grau und es ist angenehm kühl.

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