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Unterwegs

Miniathür III

Die Duscharmatur wackelt beim Betätigen leicht aus der Wand. Die Therme macht aus dem Bad unterm Dach eine kleine feine Sauna und denkt sich: Klimawandel, da bin ich dabei und leiste meinen Teil.
Im Ort blühen die Blumenläden und gähnen die Schaufenster. Schöner Sterben in Friedrichroda, zum Beispiel in einer Buddhaurne. Beim Rucksackkauf wird mir von Lila dezent abgeraten. Einzelhandel und ganze Landstriche – ja, die Binarität ist nicht tot zu kriegen.

Das Wasser schwappt in der Talsperre wie die Spülmaschine im Ecomodus. Erst ist es ein bisschen Ostseefeeling, Kiefernwald und Klippen, von heißer Luft umweht. Ich denke an Okraschoten und höre meinen Vater im Geiste etwas von Silbersee faseln. Statt Red Facing auch hier wieder roter Boden, rote Beeren. Himbeersträucher und Vogelbeerbäume säumen die Wege. Süßlich-würzige Moleküle kitzeln in der Nase. Orangefarbene Schmetterlinge mit Hummelhintergrund tummeln sich auf den Brombeer- und Distelblüten. Brennnesseln und Farn wogen mit den Wipfeln im Takt im warmen Wind.

Während ich in meinen Birkenstocks weiter schlappe, tauchen tatsächlich irgendwann Birken auf. Ein Eichelhäher fliegt auf und eine Amsel huscht über den steinigen, halb befestigten Weg. Kurz danach springen auch wir hastig ins Gebüsch, als eine Kolonne kolossaler LKWs bis oben hin mit Baumstämmen beladen schwungvoll um die Ecke biegt. Vielleicht haben sie die Blindschleichen, Mistkäfer und Spitzmaus platt gefahren, vielleicht hat auch die Hitze der letzten Tage sie platt gemacht.

In der Farbe eines ausgeblichenen lindgrünen Sofas wächst Moos in knotigen Puscheln um Wurzeln und auf geschichteten Mäuerchen wie ein oberirdisches Korallenriff. Das maritime Muster setzt sich in der Form der Route fort – wir erlaufen einen Seestern, dessen Körper sich 14,5 km in die Landschaft streckt. Bis auf ein herumirrendes und ein sportlich-professionell radelndes Paar treffen wir niemanden. Als ich erneut widerwillig väterlich beginne von Salamibrötchen und Doppelkeksen zu fantasieren, scheint eine Pause angebracht.

Stimmungs- und Wetterumschwung fallen fast in eins – ein wirkliches Gewitter gibt es nicht, nur ein paar verzagte Tropfen fallen auf die angeschrägten Fensterscheiben. Wir steigen aus dem Wechselbad der Gefühle in das Kneippbecken an der Ohra, für kühlen Kopf und kalte Waden. Es ist gut besucht, also kein Storchenschritt für mich. Gleich über die Brücke findet sich ein Camperkaffeespot im Park der prächtigen Schwestern. Doch Luisenthal ist (zum Glück) nicht Córdoba.

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