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Ambivalenzspektrum

Ich denke, ich bin ein eher konfliktscheuer Mensch. Ich neige eher dazu, mich nach außen hin anzupassen, still zu sein und zu beobachten, wie es so läuft, bis ich die Situation und Menschen, meine Position und Handlungsoptionen darin besser einschätzen kann. In der Vergangenheit ist es mir oft passiert, dass ich meine Grenzen nicht gekannt und nicht kommuniziert habe. Dass ich und andere darüber hinausgegangen sind und ich es ausgehalten habe, bis es nicht mehr ging. Ich will keine „Umstände“ machen und nicht als „komisch“ wahrgenommen werden, weil ich Angst vor Ablehnung und Abwertung habe, wenn ich für meine Bedürfnisse einstehe. In der Konsequenz habe ich viele Situationen und Menschen auch einfach gemieden, die mir Angst gemacht haben. Dieses Ausweichen führte dann zu Scham und Schuld bei mir und Ärger und Enttäuschung bei anderen, weil ich „es“ nicht konnte.

Es gibt eine Handvoll Situationen in meinem Leben, die aufgrund ihrer emotionalen Intensität in diesem Kontext in mir versammelt sind. Und wenn sich wie zuletzt ein neuer Konflikt dazu gesellt, glimmen die alten noch einmal auf und sagen Hallo. 

„Krise als Chance“ heißt es so schrecklich in Küchenpsychologie und Politik. 
Erst in den letzten paar Jahren, vielleicht erst Monaten bin ich tatsächlich soweit in meiner Selbstreflexions- und Abstraktionsfähigkeit gekommen, nicht mehr in meinen akuten Gefühlen bei sozialen Konflikten verloren zu gehen. Gefühle von Angst, Panik, Scham, Schuld, Wut, Ungerechtigkeit, Abwehr, Verletztheit, Kränkung sind immer noch da. Aber es gelingt mir diese bewusster wahrzunehmen, sie zu benennen und ihr zyklisch-sequentielles, retardierend-kontinuierendes Auftreten mit einer gewissen Distanz zu beobachten.

Und was sich erst wieder wie ein Scheitern anfühlt, was es auch ist, und eine Art Rückfall und Rückkehr zu einer „unperfekten“ Version von mir, die ich nicht sein will, trete ich dennoch nicht auf der Stelle, weil die Umstände andere sind und ich ein anderer geworden bin. Es ist so frustrierend und peinlich, fehlbar zu sein. Den stimmigen Punkt von berechtigter Kritik an meinem Verhalten, für das ich die Verantwortung übernehmen muss und will, – zwischen vollständiger selbstzerknirschter Annahme und totaler selbstschützender Abwehr – in mir und der Situation zu finden, ist so unfassbar schwer. Weil es keine Objektivität und Wahrheit jenseits einer intersubjektiven Verständigung darüber gibt, weil all diese Gefühle, gesellschaftlichen und politischen Randbedingungen, historischen und situativen Kontexte ihren Einfluss haben auf das, was wir als individuell und immanent erleben.

Ausgerechnet hatte ich noch etwas über „Skripte“ gelesen – als ein Tool und Beschreibungsinstrument für soziale, normierte Interaktion. Wie viel von dem, was wir sagen, denken und tun, ist wirklich „authentisch“, „individuell“? Wir sind schon vor unserer Geburt eingebettet in Strukturen, die in uns eingeschrieben sind und ständig neu- und umgeschrieben werden. Für mich als Fanboy des Konzeptes „Performativtät“ fügt sich das gut in mein Weltbild ein. Es gibt für alles eine Art Vorschrift / Gerüst, wie es zu tun ist, bleibt aber in der Ausführung offen und flexibel für Adaption durch die Ausführenden (siehe auch (Epi-)Genetik). Es ist wie mit Wittgensteinschen „Familienähnlichkeiten“: Es gibt ein Konzept „Stuhl“ oder „Spiel“, aber nie ließen sich alle Eigenschaften genau definieren, die kein Gegenbeispiel möglich machten.

Im Rahmen von Geschlecht oder Neurodivergenz fällt oft der Begriff „Spektrum“. Ich denke viel über Ambivalenz und die Gleichzeitigkeit von scheinbar gegensätzlichen Dingen, gerade Gefühlen nach. Für sehr viele Fragen, die mich beschäftigen, kann ich zwei binäre Pole definieren, die die Enden eines Spektrums darstellen und ein potenziell unendliches Dazwischen eröffnen. Und irgendwo in diesem Dazwischen bin ich, in vielen Dimensionen.

  • Abwehr – Annahme 
  • Distanz – Nähe
  • Autonomie – Bindung
  • Verletzlichkeit – Intimität
  • Wut – Zuneigung
  • Stärke – Schwäche
  • Abgrenzung – Anpassung
  • Weiterentwicklung – Komfortzone
  • Überforderung – Safe Space
  • Skripte / Automatismen – Individualität / Authentizität 
  • Gesellschaft  – Individuum
  • Scheitern / Fehlbar sein – Gut sein / Gemocht werden
  • Selbstbild – Fremdbild
  • Abwertung – Überhöhung
  • Selbstverwirklichung – Sicherheit
  • Alien sein – Privilegien besitzen
  • Resilienz / Klarkommen – Therapie / Unterstützung brauchen
  • Verhalten / Performance  – Identität / Charakter
  • Sichtbar queer sein – Passing / Unsichtbar sein

Am besten kann ich mir das mit Farben im Raum vorstellen. Das Farbspektrum jedes Spannungsfeldes wird durch die definierten Farben der zwei Pole vorgegeben. Wie groß die einzelne „Wolke“ ist, wie kräftig die Farben sind, welche Mischung sie hat, wo das Epizentrum liegt, wo eine einzelne Farbwolke im Verhältnis zu den anderen ist, verändert sich biografisch und situativ. Davon abhängig gibt es auch Anziehung, Abstoßung und generell Spannungen zwischen den einzelnen Farbwolken, die unabhängig von der inneren Dynamik jeder einzelnen diese von Außen als Teil eines aufeinander bezogenen Systems beeinflussen.

Ich fände es toll, davon eine Visualisierung machen zu können. Wenn ich jeden Tag mein persönliches, aktuelles Wolkenfeldspektrum bestimmen und betrachten könnte. Wie sich die Farbverläufe, -intensitäten, – mischungen, Größen, Positionen, Überschneidungen, generell Beziehungen der Wolken im Laufe der Zeit verändern. 

Ich glaube, das ist, was Leben so anstrengend macht. Ständig eine Balance herzustellen, zwischen den ganzen inneren und äußeren Anforderungen und Bedürfnissen, ein stimmiges Gleichgewicht der Farbwolken zu finden, ein harmonisches Bild – ohne dass es ständig regnet, blitzt und alles zur Unkenntlichkeit verläuft.

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